Montag, 1. Juni 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XVII

....und er sagte zu mir: "Hans, lets shoot this quick and dirty".

Auch ihr Film dürfte nur ein weiterer Film aus der Goltzstraße gewesen sein, einer der vielen Café-Mitropa-Filme, von mir seinerzeit zum eigenständigen deutschen Genre erklärt. Im Fernsehen gab's in dieser Phase jeden Monat mindestens einen Goltzstraßenfilm zu sehen, mit einer ganz eigenen Schöneberger Ästhetik. Experimente wie ein mit der sogenannten Helm-Kamera gefilmer Kochfilm, dazu etliche schnittheroretisch weiterführenden Flackerfilme, in denen die Mauer tausende Male rhythmisch aus der Erde springt, Agitprop-Dramen, die in schludrig errichteten Bambushütten eines vietnamesischen Bauerndorfs im Tiergarten spielten - aus dem Mitropa direkt ins ZDF. "Das kleine Fernsehspiel", hieß die Sendereihe, immer freitags um halb elf, auch mit verwackelten Schwarzweißbildern aus der Tiefe zugemüllter Westberliner U-Bahnschächte - eine leicht herzustellende, grundsätzliche Kritik an den Verhältnissen, an Verwahrlosung und Elend, versteht sich.

Alle Macht der Super Acht.....
Der Thrill der düsteren Vergangenheit...oder: Honigsaugen aus überwucherten Ruinen...
.... Bring deinen Beitrag einfach mal vorbei.

Aus "Gutgeschriebene Verluste" von Bernd Cailloux aus 2012.

Samstag, 30. Mai 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XVI




Tja, dann muß eben drum gekämpft werden.....ob wir vergnügungssüchtige Volk dass hinbekommen?


SCHIRACH

Stellen Sie sich vor, dass Sie morgen nach New York fliegen wollen. Zwei Flugzeuge stehen dafür bereit. Um in das erste Flugzeug einsteigen zu können, müssen Sie sich sehr streng kontrollieren lassen. Ihr Gepäck wird durchleuchtet, Sie müssen sich ausziehen, Ihr Laptop wird geöffnet, die letzten E-Mails durchgesehen, Ihr Handy wird ausgelesen. Das Ganze dauert zwei Stunden. Das zweite Flugzeug können Sie ohne jede Kontrolle betreten. Welches Flugzeug wählen Sie? Tatsächlich werden die meisten Menschen das erste Flugzeug nehmen. Sicherheit ist uns näher als Freiheit. Das erklärt die hohe Zustimmung der Bevölkerung zu immer härteren Maßnahmen. Mich beunruhigt diese Tendenz.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XV

La Luna, la bella luna....
Aus "Moonstruck"


3. Das Apollo-Erbe

EIN GEFÄHRLICHER AUFENTHALTSORT

Der Mond wird auch heute noch bombardiert, wenn auch deutlich weniger als früher. Über die vergangen Jahrzehnte haben verschiedene Observatorien Videokameras auf den Mond gerichtet. Diese suchen nach den hellen Lichtblitzen, die auftreten, wenn kleine Asteroiden auf den Mond prallen. Dabei werden zwei Teleskope gleichzeitig eingesetz, sodass ein Einschlag zeitgleich von beiden Kameras registriert werden muss, um aufgezeichnet zu werden. Mit dieser Methode hat man jährlich Hunderte weiterer Einschläge bestätigen können.

Aus "MOND" von Ben Moore aus 2019.

Samstag, 9. Mai 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XIV

Alles bleibt gleich, nix ändert sich außer die Geschwindigkeit der Kommunikation.....Verwirrung.....

MAI

Eine warme Frühlingsnacht in Wien: Arthur Schnitzler streitet sich so sehr mit seiner Frau, dass er am 25. Mai davon träumt, sich zu erschießen. Es wird nix draus. In derselben Nacht in Wien erschießt sich Oberst Redl, weil er der Spionage überführt worden ist. In derselben Nacht in Wien packt Adolf Hitler seine Sachen und besteigt den ersten Zug nach München. Die Künstlergruppe «Die Brücke« löst sich auf. In Paris feiert Strawinsky mit «Le sacre du printemps« Premiere - er sieht das erste Mal seine spätere Geliebte Coco Chanel. Brecht langweilt sich in der Schule und hat Herzklopfen. Drum fängt er an zu dichten. Alma Mahler flieht das erste Mal vor Oskar Kokoschka. Rilke streitet sich mit Rodin und kommt nicht zum Schreiben.

Aus "1913 DER SOMMER DES JAHRHUNDERTS" von Florian Illies aus 2012

Dienstag, 5. Mai 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XIII

Auf die Frage was sich geändert hat......

"......Aber, pfui Teufel" - er spie dabei kräftig aus - "ja, pfui Teufel sage ich, was für ein Dreck ziehn sie da über die Leinwand! Eine Schmach ist das für die Kunst, eine Schmach für die Welt, die einen Shakespeare und einen Goethe hat! Erst kam da so ein farbiger Blödsinn mit bunten Viechern - na, das sag' ich noch nichts, das macht vielleicht Kindern Spaß und niemandem Schaden. Aber dann machen sie einen 'Romeo und Julia', und das sollte verboten sein, verboten im Namen der Kunst! Wie das nur klingt, die Verse, als ob sie einer aus dem Ofenrohr quäkte, die heiligen Verse Shakespeares, und wie das verzuckert ist und verkitscht! Aufgesprungen wär ich und davongelaufen, wenn's nicht wegen dem Herrn Graf gewesen wär' der mich eingeladen hatte. So einen Dreck, so einen Dreck zu machen aus dem lautersten Gold! Und unsereins muß leben in so einer Zeit!"

Er faßte das Bierglas, tat einen kräftigen Zug und stellte es so laut zurück, daß es krachte. Seine Stimme war jetzt ganz laut geworden, er schrie beinahe. "Und dazu geben sich die Schauspieler von heut her - für Geld, das verfluchte Geld spucken sie Shakespearverse in Maschinen und versauen die Kunst. Da lob' ich mir jede Hur' auf der Straße! Vor der letzten hab' ich mehr Respeckt als vor diesen Affen, die ihre glatten Gesichter metergroß auf die Plakate picken lassen und sich Millionen scheffeln für das Verbrechen, das sie an der Kunst tun. Die das Wort verstümmeln, das lebendige Wort, und Shakespearverse in einen Trichter brüllen, statt das Volk zu erziehen und die Jugend zu belehren. Eine moralische Anstalt, so hat Schiller das Theater genannt, aber der gilt ja nicht mehr. Nichts gilt heut mehr, nur das Geld, das verfluchte Geld, und die Reklame, die einer mit sich zu machen versteht. Und wer's nicht verstanden hat, der krepiert. Aber besser krepieren, sag ich, für mich gehört jeder an den Galgen, der sich verkauft an dies verfluchte Hollywood! An den Galgen, an den Galgen!"

Aus "Phantastische Nacht" von Stefan Zweig aus 1922

Dienstag, 28. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XII

So vieles scheint geklärt und alle wissen alles, um dann überrascht festzustellen das Fragen über Fragen bleiben.

Und genau das macht den Aal so einzigartig. Immer wieder sah sich die Naturwissenschaft mit Rätseln konforntiert, aber wenige haben sich so lange gehalten wie das des Aals. Und das nicht nur, weil er - aufgrund seines seltsamen Lebenswandels, seiner Lichtscheu, seiner Metamorphosen und seines umständlichen Verhaltens bei der Fortpflanzung - ungewöhnlich schwer zu beobachten ist. Er ist darüber hinaus auf eine Weise geheimnisvoll, die beinahe bewusst und notwendig erscheint. Selbst wenn es einem gelingt, ihn zu beobachten, selbst wenn man ihm ganz nahekommt, schein er sich doch zu entziehen. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen Zeit und Mühe darauf verwendet haben, ihn zu studieren und Erkenntnisse über ihn zu gewinnen, müssten wir längst viel mehr über ihn wissen. Dass wir es nicht tun, ist geradezu unerklärlich. In der Zoologie spricht man deshalb gern von der "Aalfrage".

Aus "Das Evangelium der Aale" von Partik Svensson aus 2019

Montag, 27. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XI

Nicht nur Tagesmotto!

Schneller, als wir alle glauben möchten, könnte ein Zeit kommen, da die Systeme der industriellen Landwirtschaft und des Welthandels zusammenbrechen und es mehr Menschen ohne als mit Dach über dem Kopf geben wird. Dann werden Begriffe wie "ökologische, regionale Landwirtschaft" und "starke Gemeinschaften" keine hohlen Schlagwörter mehr sein. Freundlichkeit gegenüber dem Nächsten und Achtsamkeit gegenüber der Umwelt - Förderung gesunder Böden, ein vernüftiger Umgang mit Wasser, Schutz von Bienen und anderen Bestäuberinsekten - werden in einer Krise und in jeder Gesellschaft, die sie übersteht, wesentliche Bedeutung erlangen. Eine Initiative wie das Homelss Garden Project gibt mir die Hoffnung, dass die Zukunft, selbst wenn sie zweifellos schlechter sein wird als die Gegenwart, in mancher Hinsicht auch besser sein könnte. Vor allem aber gibt sie mir Hoffnung für heute.

Aus "WANN HÖREN WIR AUF, UNS ETWAS VORZUMACHEN?" von Jonathan Franzen von 2019