Samstag, 9. Mai 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XIV

Alles bleibt gleich, nix ändert sich außer die Geschwindigkeit der Kommunikation.....Verwirrung.....

MAI

Eine warme Frühlingsnacht in Wien: Arthur Schnitzler streitet sich so sehr mit seiner Frau, dass er am 25. Mai davon träumt, sich zu erschießen. Es wird nix draus. In derselben Nacht in Wien erschießt sich Oberst Redl, weil er der Spionage überführt worden ist. In derselben Nacht in Wien packt Adolf Hitler seine Sachen und besteigt den ersten Zug nach München. Die Künstlergruppe «Die Brücke« löst sich auf. In Paris feiert Strawinsky mit «Le sacre du printemps« Premiere - er sieht das erste Mal seine spätere Geliebte Coco Chanel. Brecht langweilt sich in der Schule und hat Herzklopfen. Drum fängt er an zu dichten. Alma Mahler flieht das erste Mal vor Oskar Kokoschka. Rilke streitet sich mit Rodin und kommt nicht zum Schreiben.

Aus "1913 DER SOMMER DES JAHRHUNDERTS" von Florian Illies aus 2012

Dienstag, 5. Mai 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XIII

Auf die Frage was sich geändert hat......

"......Aber, pfui Teufel" - er spie dabei kräftig aus - "ja, pfui Teufel sage ich, was für ein Dreck ziehn sie da über die Leinwand! Eine Schmach ist das für die Kunst, eine Schmach für die Welt, die einen Shakespeare und einen Goethe hat! Erst kam da so ein farbiger Blödsinn mit bunten Viechern - na, das sag' ich noch nichts, das macht vielleicht Kindern Spaß und niemandem Schaden. Aber dann machen sie einen 'Romeo und Julia', und das sollte verboten sein, verboten im Namen der Kunst! Wie das nur klingt, die Verse, als ob sie einer aus dem Ofenrohr quäkte, die heiligen Verse Shakespeares, und wie das verzuckert ist und verkitscht! Aufgesprungen wär ich und davongelaufen, wenn's nicht wegen dem Herrn Graf gewesen wär' der mich eingeladen hatte. So einen Dreck, so einen Dreck zu machen aus dem lautersten Gold! Und unsereins muß leben in so einer Zeit!"

Er faßte das Bierglas, tat einen kräftigen Zug und stellte es so laut zurück, daß es krachte. Seine Stimme war jetzt ganz laut geworden, er schrie beinahe. "Und dazu geben sich die Schauspieler von heut her - für Geld, das verfluchte Geld spucken sie Shakespearverse in Maschinen und versauen die Kunst. Da lob' ich mir jede Hur' auf der Straße! Vor der letzten hab' ich mehr Respeckt als vor diesen Affen, die ihre glatten Gesichter metergroß auf die Plakate picken lassen und sich Millionen scheffeln für das Verbrechen, das sie an der Kunst tun. Die das Wort verstümmeln, das lebendige Wort, und Shakespearverse in einen Trichter brüllen, statt das Volk zu erziehen und die Jugend zu belehren. Eine moralische Anstalt, so hat Schiller das Theater genannt, aber der gilt ja nicht mehr. Nichts gilt heut mehr, nur das Geld, das verfluchte Geld, und die Reklame, die einer mit sich zu machen versteht. Und wer's nicht verstanden hat, der krepiert. Aber besser krepieren, sag ich, für mich gehört jeder an den Galgen, der sich verkauft an dies verfluchte Hollywood! An den Galgen, an den Galgen!"

Aus "Phantastische Nacht" von Stefan Zweig aus 1922

Dienstag, 28. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XII

So vieles scheint geklärt und alle wissen alles, um dann überrascht festzustellen das Fragen über Fragen bleiben.

Und genau das macht den Aal so einzigartig. Immer wieder sah sich die Naturwissenschaft mit Rätseln konforntiert, aber wenige haben sich so lange gehalten wie das des Aals. Und das nicht nur, weil er - aufgrund seines seltsamen Lebenswandels, seiner Lichtscheu, seiner Metamorphosen und seines umständlichen Verhaltens bei der Fortpflanzung - ungewöhnlich schwer zu beobachten ist. Er ist darüber hinaus auf eine Weise geheimnisvoll, die beinahe bewusst und notwendig erscheint. Selbst wenn es einem gelingt, ihn zu beobachten, selbst wenn man ihm ganz nahekommt, schein er sich doch zu entziehen. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen Zeit und Mühe darauf verwendet haben, ihn zu studieren und Erkenntnisse über ihn zu gewinnen, müssten wir längst viel mehr über ihn wissen. Dass wir es nicht tun, ist geradezu unerklärlich. In der Zoologie spricht man deshalb gern von der "Aalfrage".

Aus "Das Evangelium der Aale" von Partik Svensson aus 2019

Montag, 27. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" XI

Nicht nur Tagesmotto!

Schneller, als wir alle glauben möchten, könnte ein Zeit kommen, da die Systeme der industriellen Landwirtschaft und des Welthandels zusammenbrechen und es mehr Menschen ohne als mit Dach über dem Kopf geben wird. Dann werden Begriffe wie "ökologische, regionale Landwirtschaft" und "starke Gemeinschaften" keine hohlen Schlagwörter mehr sein. Freundlichkeit gegenüber dem Nächsten und Achtsamkeit gegenüber der Umwelt - Förderung gesunder Böden, ein vernüftiger Umgang mit Wasser, Schutz von Bienen und anderen Bestäuberinsekten - werden in einer Krise und in jeder Gesellschaft, die sie übersteht, wesentliche Bedeutung erlangen. Eine Initiative wie das Homelss Garden Project gibt mir die Hoffnung, dass die Zukunft, selbst wenn sie zweifellos schlechter sein wird als die Gegenwart, in mancher Hinsicht auch besser sein könnte. Vor allem aber gibt sie mir Hoffnung für heute.

Aus "WANN HÖREN WIR AUF, UNS ETWAS VORZUMACHEN?" von Jonathan Franzen von 2019

Sonntag, 26. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" X

Systemrelevant?

19 

Und dann hat Milo ihm in einer halben Stunde mehr über das Fußballbusiness beigebracht, als er in all den Jahren davor verstanden hatte, über den Einfluss von Ausstattern, über Sponsoring-Deals, Absatzmärkte, Selbstdarsteller und die verschiedenen Einflussgruppen im Aufsichtsrat und im Präsidium von Real Madrid, und statt Milo in die Goschn zu hauen, wie er es sich vorgestellt hatte, statt ihn zu Rede zu stellen, hat Ivo sich gefreut, dass jemand ihm erklärt, was er offensichtlich nicht verstanden hatte. Er hat sich gut aufgehoben gefühlt bei Milo, und irgendwas ist auch bei Milo passiert, sonst hätte er Ivo nicht noch immer als Klient, obwohl er mit jedem 20-Jährigen, den er transferiert, mehr verdient als mit Ivo in dessen ganzer Karriere. 

Freitag, 24. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" IX

Ich trat aus dem Wald, auf ein zu geschneites Feld. Im Sommer hatten wir hier mal einen riesigen Hasen gesehen, Fieder und ich, genau am Waldrand. Er hockte auf einmal vor uns und glotzte uns an, oder durch uns durch. Erstaunt oder kurzsichtig, wir konnten den Blick nicht deuten. 
Dann drehte der Hase den Kopf zu den Gräsern und fing an rumzumümmeln, warschrscheinlich überzeugt davon, dass er sich uns bloß eingebildet hatte.
Das Feld zog sich weiter den Hang hoch. Oben setzte ich mich in den Schnee.
Am liebsten wäre ich so ein Kartoffelsackbehinderter gewesen. Dann hätte ich einfach verweigert und Zivildienst gemacht und hätte nicht nach Berlin abhauen müssen. Eigentlich wollte ich garnicht nach Berlin. Eingentlich fand ich Berlin total scheiße. Die Leute waren scheiße, die vollen Straßen waren scheiße, das Scheißwetter war scheiße, alles.

Aus "Auerhaus" von Bov Bjerg von 2017

Donnerstag, 23. April 2020

Lesen in Zeiten von "Corona" VIII

Erst ein Jahr kein Buch angerührt und dann.......

Nun vermuten Sie wahrscheinlich, ich hätte sofort das Buch gepackt, betrachtet, gelesen. Keineswegs! Erst wollte ich die Vorlust auskosten, daß ich ein Buch bei mir hatte, die künstlich verzögernde und meine Nerven wunderbar erregende Lust, mir auszuträumen, welche Art Buch dies gestohlene am liebsten sein sollte: sehr eng gedruckt vor allem, viele, viele Lettern enthaltend, viele, viele dünne Blätter, damit ich länger dran zu lesen hätte. Und dann wünschte ich mir, es sollte ein Werk sein, das mich geistig anstrengte, nichts Flaches, nicht Leichtes, sondern etwas, das man lernen, auswendig lernen konnte, Gedichte, und am besten - welcher verwegene Traum! - Goethe oder Homer. Aber schließlich konnte ich meine Gier, meine Neugier nicht länger verhalten. Hingesteckt auf das Bett, so daß der Wärter, wenn er plötzlich die Tür aufmachen sollte, mich nicht ertappen könnte, zog ich zitternd unter dem Gürtel den Band heraus.

Aus "Schachnovelle" von Stefan Zweig aus dem Jahre 1943