Dienstag, 1. September 2026

365 to go - Erfolgreich unerfolgreich, ein Babyboomer geht in Rente - 01. September 1977

 Die Wochen vor dem 01. September waren gefüllt mit Besorgungen für den Arbeitsalltag.

Es mußten gekauft werden 

# 2 Paar schwarze Schuhe, denn nach jedem Arbeitstag sollten die Schuhe gewechselt werden

# 6 Paar schwarze Socken 

# 2 schwarze Hosen 

# 6 weiße Kellnerjacken, die Jahre später erst ihren richtigen Einsatz bekamen

# 6 weiße Hemden

# 1 Fliege

# 1 Kellnerbesteck

# 1 Kellnergeldbörse

So ausgestattet fand ich mich dann im Würzburger Ratskeller um 8 Uhr ein.

Genau an den Ablauf des ersten Tages kann ich mich nicht mehr erinnern, aber höchstwarscheinlich bekam ich einen Führung durchs Haus mit allen Abteilungen.

 Die ersten 6 Monate waren für mich hinterm Tresen vorgesehen. Keine Ahnung was da so zu machen ist. Eckart und Susi nahmen mich unter ihre Fittiche. So lernte ich wie ein Tresen aufgebaut ist, was sich alles in den verschieden Schubfächern verbirgt und wie selbige zu befüllen und zu reinigen sind. 

Der Tresen war in fünf Bereiche aufgeteilt:

# Ausschank von Bier, Wein und Softgetränken

# Ausgabe von warmen Speisen, sowie verschiedenen warmen Vorspeisen

# Kaffeestation, die ich haßte wie die Pest

# Dessertstation 

# sowie den Rücklauf

Als 16 jähriger Lehrling hatte ich immer Frühdienst und war für den Aufbau des Tresens mitverantwortlich. Verfickte Kaffeemaschine mit ihren vielen Knöpfen und Schalter sowie anderen beweglichen Anbauteilen. Ich haßte sie, sie flöste mir Angst ein mit ihrem zischen und gurgeln und dampfen und sie war verflixt heiß. Die Angst vor großen Maschinen und für mich war sie damals groß, sehr groß verlor ich erst später.

Bier zapfen, Weine einschenken, Essen ausgeben ging mir gut von der Hand, aber die Kaffeemaschine.....

Eine Tätigkeit mit größtem Unbehagen am Anfang machte war das Bier anstechen mit einem Dorn. Holy shit, mit wieviel Litern Bier ich mich da besudelte, ich will's nicht wissen. 

In meinen Aufzeichnungen fand ich noch eine Probezeitverlängerung aufgrund einer Radiusfraktur des Handgelenks, fragt mich nicht welche Seite, denn ich hatte beide Handgelenke zu dieser Zeit gebrochen.

Im Ratskeller gab es den Stammtisch gleich in der Nähe des Tresens und wie es nun mal an Stammtischen ist, es geht hoch und rund her. Ende September Anfang Oktober kam ich an einem Samstag morgen zum Dienst und die Schwägerin des Pächters prahlte mit 100 DM die sie am Abend vorher bei einer Wette gewonnen hatte, mit den Worten: und jetzt kauf ich meinem Sohn ein paar Schuhe!

Das Leben ging weiter, aber am 8. Oktober 1977 wurde dem Pächter fristlos gekündigt. 

Was war passiert? 

Der betriebsinterne Funk erzählte verschieden Versionen der Geschichte, belegt ist aber das es zu einem sehr unhygienischen Verhalten der Schwägerin an der Sahnemaschine kam. 

Und zack, war der Lehrvertrag mit verlängerter Probezeit perdu.

Es zog sich dann noch etwas hin und im Januar wurde dann ein neuer Pächter aus Baden-Baden installiert und im März gings dann weiter mit einer großen Begrüßungsfeier und ich vorn dran!

 

Meine Zeit hinter dem Tresen endete und ich wechselte in den Service. Ich hatte die Hosen gestrichen voll. Mit Menschen kommunizieren war nicht das Problem, eher, der Umgang mit dem Geld und die Gefahr sich zu verrechnen oder zu wenig Geld in der Börse zu haben. Essen falsch zu bestellen, Getränke zu vergessen und all das was auch heute noch zu Aufregern bei Gast und Kellner führt.

Unser Oberkellner brachte uns auf Vordermann und so konnte ich nach relativ kurzer Zeit meine Stationen gut betreuen.

Menschlich gesehen war er ungenießbarer Zeitgenosse, der körperliche Gewalt sowie sexuelle Übergriffe als Erziehungsmittel einzusetzen. Mehr als drei Kippen im Aschenbecher und es gab eine, zwei Schläge mit der Handkante in die Nierengegend. Eine gestellte Aufgabe nicht richtig verstanden oder nicht korrekt ausgeführt, wurde mit einer Kopfnuss "belohnt". Es begleitete mich immer die Angst zu versagen oder den Erwartungen nicht voll und ganz gerecht zu werden, Zuversicht auf das was da noch kommen kann war auf jeden Fall nicht vorhanden, dafür schon sehr früh ein Nikotinmissbrauch, sowie der Griff zum Bier und Schnaps. Die "Lieblingslehrlinge" wurden nach der Spätschicht immer gerne noch ins "BB" eingeladen, eine der zwei SchwulenKneipen in Würzburg, ja, so nannte man dies Früher. Ab und an durfte auch ich mit....mit Filmrissen und erheblichen verschwommenen Erinnerungen.

Was blieb mir noch in Erinnerung an die zweieinhalb Jahre im Ratskeller. 

Der 05. April 1979, ich hatte mittlerweile das 18. Lebensjahr vollendet und durfte immer öfter die Spätschicht bespielen. So auch an diesem Abend, einem sehr drögen und langweilig dahinsichenden Donnerstag. Dienstschluß für mich wäre gegen 23 Uhr gewesen. War es aber nicht, denn die Kollegin in der Nachbarstation war beim Geschäftsführer und so wurde ich noch mit vier weiteren leeren Tischen beglückt. Dienstschluß also dann um 1 Uhr. 

Nix da, kurz nach 0:00 Uhr ging die Türe auf eine eine "Horde" von schon gut angetrunkenen und mit sonstigen Stimulanzien angereicherteten stürmten in Station 3 und 4!

Ich war mäßig begeistert und aus heutiger Sicht bin ich gelinde gesagt mäßig begeistert über mich.

Die "Nina Hagen Band" gab sich die Ehre und ich Ignorant dachte da nur an meinen Feierabend. Aus heutiger Sicht habe ich mir an diesem Abend eine grandiose Party versaut.

Der Teildienst von 11:30 Uhr bis 14 Uhr und dann wieder von 17:30 Uhr bis 22:30 Uhr waren sehr unbeliebt. Was tun in den drei Stunden? Beim Rumstromern habe ich das "Rialto" in der Passage zwischen Grafeneckart und Domstraße entdeckt. Und hier entstand dann meine Liebe zu italienischen Kaffeespezialitäten. Haben wir nicht auch eine Kaffeemaschine mit allem drum und dran im Ratskeller....und schwuppst war sie weg, die Angst vor dem großen Gerät. 

Mein Umzug Anfang März 1979 von Veitshöchheim nach Würzburg zur Resi Oma in die Kettelerstraße brachte mir eine große Freiheit! So konnte ich immer nach Dienstschluß noch auf ein/zwei Abschlußgetränke im Pipers Pup vorbeischauen ohne in Konflikt mit den Eltern zu kommen. In der Nacht auf den 12.07.1979 traf ich dann meine erst große Liebe. Sie hatte einen wunderbaren VW-Käfer und einen ganz bezaubernden Stoffhund. Es wurden aus dieser Nacht fast vier Jahre mit allen Höhen und Tiefen. Ein verrückte Zeit.

 Wenn ich mir nun meinen Berufsausbildungsvertrag betracht, sagt er mir heute viel, wie mein weiteres Berufsleben aussehen wird.

Chaotisch!

 

  

 

 

 

  

 

Keine Kommentare: